Multiple Sklerose & Sport – Training in Down Under

Wie trainieren eigentlich die Personen mit Multiple Sklerose auf der Südhalbkugel am anderen Ende der Welt? Das habe ich durch mein Praktikum in einem Rehabilitationszentrum für neurologische Erkrankungen in Sydney/Australien herausgefunden.

Eines ist klar: Sport und Bewegung spielt im Leben der Australier eine sehr große Rolle! In Australien buchen viele Patienten neben dem einmal wöchentlichen Gruppentraining, das von einem Gesundheitsfond für chronisch Erkrankte übernommen wird, noch eine oder sogar zwei weitere Trainingseinheiten dazu (Kosten für ein Gruppentraining: ca. 60 AUD / Trainingseinheit, Kosten für ein Einzeltraining: ca. 180 AUD).

Das Gruppentraining:

Geschont werden die Teilnehmer hier nicht. Das Gruppentraining besteht aus acht Übungen mit vier Übungen für den Oberkörper und vier Übungen für den Unterkörper. Jede Übung wird dreimal 45 Sekunden ausgeführt bevor man zur nächsten Übung wechselt. Die Pausen zwischen den Belastungsintervallen dauern ebenfalls 45 Sekunden und erst nach vier Übungen findet eine längere Trinkpause von ca. drei bis fünf Minuten statt. In jeder dritten Runde einer Übung werden die Teilnehmer zusätzlich durch eine kognitive Aufgabe gefordert, in dem sie z.B. Hauptstädte mit dem Anfangsbuchstaben „S“ nennen müssen. Hier sieht man, ob die kognitive Aufgabe die Bewegungsausführung der motorischen Aufgabe beeinträchtigt. Solche Doppeltätigkeitsaufgaben zeigen, ob eine Bewegung automatisiert abläuft, d.h. ohne bewusste Steuerung ausgeführt werden kann oder nicht. Des Weiteren trainieren Doppeltätigkeitsaufgaben die Automatisierung von Bewegungen. Gerade im Alltag finden viele Doppeltätigkeitsaufgaben (oder Multi-Taskaufgaben), wie z.B. „über die Straße gehen, reden und gleichzeitig noch auf den Verkehr achten“ statt und sollten daher trainiert werden. Für alle Teilnehmer, die unter dem Uhthoff-Phänomen leiden (wärmeinduzierte Steigerung der Symptomatik) werden Klimaanlagen und bei Bedarf Ventilatoren eingeschaltet. Zusätzlich achten alle Teilnehmer auf kühle Kleidung und Getränke. Zum Cool down nehmen die Teilnehmer an einer Meditationsübung teil, die von einer App geleitet wird. Das Rehabilitationszentrum bietet ebenfalls Hydrotherapie an, in der das gleiche Trainingsprogramm im Bewegungsbad stattfindet, welches von einigen Betroffenen gut vertragen wird.

Mein Fazit:

Die MS-Betroffenen in Australien führen ein hartes Kraftausdauer- und Ausdauertraining durch und können dieses aufgrund der Intervallbelastung auch gut vertragen und umsetzen.  Der Fokus der MS-Therapie liegt hier weniger auf dem Training der Koordination (z.B. Gleichgewicht) als mehr auf dem Training von Kraftausdauer im Intervallmodus und dem Training von Doppeltätigkeitsaufgaben. Durch die relativ lange Belastungsdauer von 45 Sekunden und die relativ kurze Pausendauer von 45 Sekunden wird insbesondere die Ermüdungswiderstandsfähigkeit der Muskulatur trainiert. Dies wirkt sich positiv auf die Bewältigung länger andauernde Alltagsaufgaben aus und ist eine adäquate Trainingsmethode um Ziele wie „längere Distanzen gehen zu können“ zu erreichen.

Setzt man sich eher Ziele, die die Koordination betreffen, wie „ein verbessertes Gleichgewicht“, „Sturzvermeidung – Reaktion zum Ausfallschritt“, „Treppensteigen“, „wieder hüpfen oder schnell laufen können“, oder die „Wiederaktivierung von schwachen Muskeln“ müsste das Training anders gestaltet werden. Für ein Koordinationstraining sollte das Training variationsreich, hochintensiv (hohe Belastung und schnelle Bewegung) mit wenigen Wiederholungen, dafür aber langen (und individuelle gestalteten) Pausen durchgeführt werden. Vor allem Bewegungen, die Reflexe generieren, wie zum Beispiel beim varianzbasierten Gangtraining, helfen die gewünschte Muskulatur neben der willentlichen Ansteuerung reflektorisch zu aktivieren.

Ich durfte unser varianzbasiertes Gangtraining daher auch in das Training der MS-Betroffenen in dem australischen Reha-Zentrum einbauen.  Die MS-Betroffenen, die mich „ziehen und schieben“ mussten, waren zunächst verblüfft und erstaunt, aber danach waren sie von der „neuen“ Bewegungserfahrung überzeugt und wollten öfter in ihrem Gang- und Gleichgewichtstraining gefordert werden.

Weiterhin viel Spaß beim Training,

Eure Christina

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