Aktuelles aus der Forschung

Hochintensives Training (HIT) wirkt sich positiv auf das verbale Gedächtnis, die Ausdauerleistungsfähigkeit und auf Moleküle, die die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke beeinflussen.

Dies konnte eine neue Studie von Zimmer et al, 2017 aufzeigen, in der die Auswirkungen eines HIT mit denen eines Standard-Trainings eines üblichen Reha-Aufenthaltes von drei Wochen verglichen wurde.

Die HIT-Gruppe trainierte dreimal pro Woche in 5 x 3 Min HIT Intervallen auf dem Rad-Ergometer mit 1,5 Min aktiven Pausenintervallen bei reduzierter Umdrehungszahl. Das Training dauerte insgesamt 20 Min inklusive 2 Min Warm-up und 2 Min Cool down. Zusätzlich gab es eine Erholungsperiode von 45 Min nach dem Training.

Die Kontroll-Standard-Trainingsgruppe trainierte dagegen fünfmal pro Woche mit 30 Min bei moderater Intensität auf dem Rad-Ergometer, ebenfalls inklusive 2 Min Warm-up und 2 Min Cool down.

Die Ergebnisse zeigen, dass beide Gruppen ihre Ausdauerleistungsfähigkeit verbessern konnten, wobei die HIT-Gruppe jedoch eine größere Verbesserung im Vergleich zur Standard-Trainingsgruppe verzeichnen konnte. Des Weiteren weist die HIT-Gruppe eine Verbesserung der verbalen Gedächtnisleitung auf sowie eine günstige Anpassung von Molekülen, welche die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke beeinflussen und somit eine Rolle für das Eindringen von Entzündungsfaktoren ins Gehirn haben.

Das HIT wurde gut vertragen, ist zeitsparend und scheint größere Anpassungen als das Standard-Training zu haben. Die Autoren weisen darauf hin, dass weitere Studien zu diesem Thema empfohlen werden.

Zum Originalartikel geht es hier:

http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1352458517728342?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%3dpubmed

 

 

Multiple Sklerose & Sport – Training in Down Under

Wie trainieren eigentlich die Personen mit Multiple Sklerose auf der Südhalbkugel am anderen Ende der Welt? Das habe ich durch mein Praktikum in einem Rehabilitationszentrum für neurologische Erkrankungen in Sydney/Australien herausgefunden.

Eines ist klar: Sport und Bewegung spielt im Leben der Australier eine sehr große Rolle! In Australien buchen viele Patienten neben dem einmal wöchentlichen Gruppentraining, das von einem Gesundheitsfond für chronisch Erkrankte übernommen wird, noch eine oder sogar zwei weitere Trainingseinheiten dazu (Kosten für ein Gruppentraining: ca. 60 AUD / Trainingseinheit, Kosten für ein Einzeltraining: ca. 180 AUD).

Das Gruppentraining:

Geschont werden die Teilnehmer hier nicht. Das Gruppentraining besteht aus acht Übungen mit vier Übungen für den Oberkörper und vier Übungen für den Unterkörper. Jede Übung wird dreimal 45 Sekunden ausgeführt bevor man zur nächsten Übung wechselt. Die Pausen zwischen den Belastungsintervallen dauern ebenfalls 45 Sekunden und erst nach vier Übungen findet eine längere Trinkpause von ca. drei bis fünf Minuten statt. In jeder dritten Runde einer Übung werden die Teilnehmer zusätzlich durch eine kognitive Aufgabe gefordert, in dem sie z.B. Hauptstädte mit dem Anfangsbuchstaben „S“ nennen müssen. Hier sieht man, ob die kognitive Aufgabe die Bewegungsausführung der motorischen Aufgabe beeinträchtigt. Solche Doppeltätigkeitsaufgaben zeigen, ob eine Bewegung automatisiert abläuft, d.h. ohne bewusste Steuerung ausgeführt werden kann oder nicht. Des Weiteren trainieren Doppeltätigkeitsaufgaben die Automatisierung von Bewegungen. Gerade im Alltag finden viele Doppeltätigkeitsaufgaben (oder Multi-Taskaufgaben), wie z.B. „über die Straße gehen, reden und gleichzeitig noch auf den Verkehr achten“ statt und sollten daher trainiert werden. Für alle Teilnehmer, die unter dem Uhthoff-Phänomen leiden (wärmeinduzierte Steigerung der Symptomatik) werden Klimaanlagen und bei Bedarf Ventilatoren eingeschaltet. Zusätzlich achten alle Teilnehmer auf kühle Kleidung und Getränke. Zum Cool down nehmen die Teilnehmer an einer Meditationsübung teil, die von einer App geleitet wird. Das Rehabilitationszentrum bietet ebenfalls Hydrotherapie an, in der das gleiche Trainingsprogramm im Bewegungsbad stattfindet, welches von einigen Betroffenen gut vertragen wird.

Mein Fazit:

Die MS-Betroffenen in Australien führen ein hartes Kraftausdauer- und Ausdauertraining durch und können dieses aufgrund der Intervallbelastung auch gut vertragen und umsetzen.  Der Fokus der MS-Therapie liegt hier weniger auf dem Training der Koordination (z.B. Gleichgewicht) als mehr auf dem Training von Kraftausdauer im Intervallmodus und dem Training von Doppeltätigkeitsaufgaben. Durch die relativ lange Belastungsdauer von 45 Sekunden und die relativ kurze Pausendauer von 45 Sekunden wird insbesondere die Ermüdungswiderstandsfähigkeit der Muskulatur trainiert. Dies wirkt sich positiv auf die Bewältigung länger andauernde Alltagsaufgaben aus und ist eine adäquate Trainingsmethode um Ziele wie „längere Distanzen gehen zu können“ zu erreichen.

Setzt man sich eher Ziele, die die Koordination betreffen, wie „ein verbessertes Gleichgewicht“, „Sturzvermeidung – Reaktion zum Ausfallschritt“, „Treppensteigen“, „wieder hüpfen oder schnell laufen können“, oder die „Wiederaktivierung von schwachen Muskeln“ müsste das Training anders gestaltet werden. Für ein Koordinationstraining sollte das Training variationsreich, hochintensiv (hohe Belastung und schnelle Bewegung) mit wenigen Wiederholungen, dafür aber langen (und individuelle gestalteten) Pausen durchgeführt werden. Vor allem Bewegungen, die Reflexe generieren, wie zum Beispiel beim varianzbasierten Gangtraining, helfen die gewünschte Muskulatur neben der willentlichen Ansteuerung reflektorisch zu aktivieren.

Ich durfte unser varianzbasiertes Gangtraining daher auch in das Training der MS-Betroffenen in dem australischen Reha-Zentrum einbauen.  Die MS-Betroffenen, die mich „ziehen und schieben“ mussten, waren zunächst verblüfft und erstaunt, aber danach waren sie von der „neuen“ Bewegungserfahrung überzeugt und wollten öfter in ihrem Gang- und Gleichgewichtstraining gefordert werden.

Weiterhin viel Spaß beim Training,

Eure Christina

 

 

Für alle Faktenliebhaber: MS Betroffene gehen im Durchschnitt pro Tag 5702 Schritte.

Das hat eine Studie aus den USA (Motl et al, 2013) an 786 Personen mit MS gemessen, die einen Schrittzähler über 7 Tage trugen. Damit unterscheidet sich die Schrittzahl von MS Betroffenen um 3539 Schritte pro Tag signifikant von denen der gesunden Kontrollprobanden (= 9342 Schritte pro Tag). Ebenfalls unterscheiden sich Personen mit progredienter (fortschreitender) Verlaufsform (= 3718 Schritte/Tag) signifikant um 2233 Schritte pro Tag von Personen mit schubförmiger remittierender (nichtfortschreitender) Verlaufsform (= 5951 Schritte/Tag).

Solche Vergleichsdaten können ein Richtwert und somit auch ein Ansporn sein, um selbst im Alltag wieder etwas aktiver zu werden. Dennoch sollten solche Daten mit einer gesunden Vorsicht betrachtet werden, da individuelle Gegebenheiten wie Symptome, zusätzliche Erkrankungen zur MS, aktuelle Lebensbedingungen (kleine Kinder, Scheidung, Todesfall, Arbeit) u.v.m. die aktuelle Aktivität herabsetzen können und nicht immer mit allgemeinen Richtwerten verglichen werden können.

Unsere SpoKs bieten Personen mit MS eine sichere Umgebung ihre individuelle Leistungsfähigkeit und Grenzen herauszufinden und liefert das nötige Wissen sowie Handwerkszeug wie man unter Berücksichtigung der individuellen Gegebenheiten (wieder) sportliche Aktivität in den Alltag einbauen kann.

Quelle: Motl RW, Pilutti LA, Learmonth YC, Goldman MD, Brown T. Clinical Importance of Steps Taken per Day among Persons with Multiple Sclerosis. Villoslada P, ed. PLoS ONE. 2013;8(9):e73247.